Als wäre es das Normalste der Welt (La Bohème Puccini)

«Mit einer einzigen Note kann man jemandem Luft zum Atmen geben für den Alltag», sagt Brigitte Hool.

Der Bund interview als Musetta:
Die Neuenburger Sopranistin Brigitte Hool singt am Opernfestival Avenches die Musetta in «La Bohème». Besuch bei einer Frau, die sich in ihrem Leben einige Umwege geleistet hat.

«La Bohème»

«La Bohème» in der Arena von Avenches: Premiere: heute, 21.30 Uhr. Weitere Vorstellungen: 7., 10., 12., 14. und 17. Juli, jeweils 21.30 Uhr. Regie: Eric Vigié, Musikalische Leitung: Stefano Ranzani. www.avenchesopera.ch.

Über dem Städtchen hängen hartnäckig schwere Wolken, die Bühne des Amphitheaters ist längst pitschnass. Dabei sind die Kulissen für Puccinis «La Bohème» nicht weniger düster als das heutige Wetter. Aber mittendrin posiert die Neuenburger Sopranistin Brigitte Hool für den Fotografen. Ihr breites Lachen und der türkisfarbene Schal bringen Farbe ins Bild. Leichtfüssig und selbstverständlich bewegt sich die Sängerin – man könnte meinen, sie hätte in ihrem Leben nie etwas anderes gemacht, als auf der Bühne zu stehen.

Ab in die Politik

Ganz so ist dem nicht. Brigitte Hool hat sich einige Umwege geleistet, bevor sie sich ihrer Stimme verschrieben hat. Musik begleitet sie zwar seit ihrer Kindheit; neben dem Gesang waren es Flöte und Cello. Nach der Maturität aber liess sich ihr Wissensdurst nicht mehr zähmen: «Ich habe mich sehr für Kunst und Philosophie interessiert, dachte aber, das sei zu einseitig. Darum habe ich mir überlegt: Von welchem Fach verstehe ich nichts?» Es war die Politik. «Ich wusste, das ist der letzte Moment, um es zu lernen, sonst werde ich es nie verstehen.» So hat sie sich an der Universität Neuenburg für Journalismus, Politikwissenschaften, Französisch und Kunstgeschichte eingeschrieben.

Sie erzählt es, als wäre es das Normalste der Welt. «Ich habe diese Fächer gewählt, weil ich mehr von der Welt verstehen wollte und damit letztlich auch mehr von der Musik.» Wenn es die Möglichkeit gibt, eine Ecke mehr vom Leben zu sehen, dann kommt Hools Durchhaltevermögen zum Vorschein. Erst als sie den Preis der Universität als Jahrgangsbeste in zwei Fächern erhielt, verstand sie, wie sehr sie sich dem Studium hingegeben hatte. So tat sie es danach auch mit dem Cello. Nur dass ihr Körper nicht ganz so wollte. Eine Verletzung am Handgelenk beendete diese Karriere.

Vom Körper geleitet

Ganz anders sei das beim Singen, erklärt Brigitte Hool, da stehe ihr Körper ganz und gar hinter ihr, lasse sie nicht im Stich. Mittlerweile sitzen wir in Avenches in einem hübschen Altstadthaus mit grossen Fenstern und weiter Sicht hinaus ins graue Grün – das vorübergehende Zuhause für Brigitte Hool und ihren kleinen Sohn während der intensiven Proben. Draussen strudelt der Regen noch immer. Sie giesst einen Tisane auf. Kaffee sei ihr zu stark, erzählt sie, so wie andere Teesorten mit Koffein; sie sei sehr sensibel. Diese Sensibilität – eine gute Sache für eine Sängerin, weil dann der Körper ganz natürliche Grenzen setzt? «Ja, diese Sensibilität ist etwas Gutes. Aber nur, wenn man weiss, was sie bedeutet», erwidert Brigitte Hool. «Dann erkennt man auch viele andere Sachen, in zwischenmenschlichen Dingen, aber natürlich auch in der Kunst und der Musik.»

Wir sind beim Cello stehen geblieben, das sie an den Nagel hängen musste. Hool haderte damals nicht und meldete sich für ein Gesangsstudium in Neuenburg an. Bis dahin hatte sie kaum Gesangsunterricht, nur einige wenige Stunden bei einem Freund. Vielmehr unterrichtete sie sich selber; Männerarien und Frauenarien habe sie nachgesungen – en masse. «Ich war völlig frei, musste keine Regeln beachten und folgte allein meinem Ohr.»

«Ich muss mich gut kennen»

Vielleicht ist das ihr Erfolgsrezept, das sie 2006 an die Mailänder Scala oder ein Jahr später an die Opéra comique de Paris brachte. Es ist aber wohl auch ihre Einstellung zur Musik: «Solistin zu sein bedeutet für mich, dass ich mich selbst sehr gut kennen muss. Ich muss mir vertrauen können und ein Ziel haben.» Und ein Ziel hat Brigitte Hool, wenn sie sagt: «Unser Leben ist nicht immer einfach, aber mit einer einzigen Note kann man jemandem Luft zum Atmen geben für den Alltag.»

Der Tee ist fast ausgetrunken. Höchste Zeit für eine letzte Anekdote aus dem Leben einer Sopranistin. «An einem Tag habe ich drei Personen unabhängig voneinander von einem Yoga-Meister sprechen hören. Dreimal an einem Tag! Das musste etwas bedeuten.» So besuchte sie einen Kurs, merkte aber schnell, dass es eine Ausbildung für Yoga-Professoren war. «Eh bon», sagte sie sich. Und wieder öffnete sich ihr ein neuer Winkel der Welt. (Der Bund)

Interview Mariel Kreis
Bild: Adrian Moser